Wenn Marianna Herzig Sopran, Nepomuk Braun, Violoncello, und Rebeka Stojkoska, Klavier, unter dem Motto „Voci nel suono“ (Stimmen im Klang) das vierte Konzerte der 21. Saison „Klassik im Kloster“ gestalteten, so stellten sie eine Idee in den Mittelpunkt, die für die Ästhetik des 18. Jahrhunderts und damit für zentrale Werke des Abends prägend war: Die Stimmen fügen sich zu einer Klangeinheit, gleichzeitig aber spricht jede Stimme individuell mit der anderen. So ist die Musik eine expressive ‚Klangrede‘, die sich an die Herzen der Zuhörenden wendet, wie Prof. Dr. Manuela Jahrmärker nach Abt Bedas Begrüßung erläuterte.
Ganz bewußt waren seltenst zu hörende Arien von Händel, Caldara und Boccherini gewählt, die überdies nicht die Sängerin allein in den Mittelpunkt rücken, sondern alle Beteiligten zu einem Trio vereinen – daher auch alle drei mit Notenpult –. Der Cellist konnte in dem langen ersten Teil von Händels Arie „Leidenschaften stillt und weckt Musik“ mit warmem, schönsten, singenden Ton und feiner Phrasengestaltung sofort für sich einnehmen, bevor die Sopranistin ihre helle, klare Stimme ertönen ließ und ihrerseits begeisterte. Ebenso strahlend sang Herzig Caldaras Arie „Nutzloser Pomp“. Es folgten romantische Lieder von Felix Mendelssohn-Bartholdy mit gut gewählten, zum Erzählton passenden Tempi. Ganz natürlich das ruhig fließende „Schilflied“ oder „Der Mond“, zart gesungen und zurückhaltend begleitet. Gleichzeitig zeigte Herzig, wie Verse wie z.B. „Durch die tiefste Seele geht mir ein süßes Deingedenken“, mit klarem Ton, natürlicher Phrasierung und deutlichster Aussprache imterpretiert, mit all ihrer Innigkeit den Zuhörer anrühren und in ihm nachhallen können. Ganz anders die Atmosphäre beim „Hexenlied“. Feurig, rasend, leidenschaftlich, in höchsten Tönen, von Händen und Armen unterstützt interpretierte Herzig den wilden Tanz der Hexen. Genauso gefordert war die Pianistin, die trotz ihres notenreichen Satzes der Sängerin immer den Vortritt ließ. Viel Beifall gab es für diesen Auftritt. Es folgte Schuberts „Der Hirt auf dem Felsen“, hier mit Cello statt wie meist mit Klarinette. Doch auch so waren Ruf – Sopran – und Echo – Cello – zu unterscheiden. Immer wieder anders reagierte der Cellist auf Herzigs „Rufe“; wunderbar mühelos erreichte sie höchste Höhen. Und wenn die Stimmung umschlägt, der „Frühling kommen will“, reichten ein Lächeln und die tänzerischen Cellotakte, um die große Freude ob des Naturereignisses zu vermitteln. Großer Applaus erhob sich.
Als Duo interpretierten Stojkoska und Braun Robert Schumanns „Fantasiestücke“. Ruhig und gefühlvoll, in allen Lagen klanglich aufs feinste ausdifferenziert eröffnete das Cello, vom Klavier zart und zurückhaltend unterstützt. In allen drei Sätzen waren die Höhepunkte bestens geplant und fügten sich in große Bögen, die die leidenschaftliche, immer wieder aufs Neue aufbrausende Musik zur Einheit banden. Neue Töne brachten Leonard Bernsteins Arie „Dream with me“ und Pauline Viardots Lied „Die Sterne“ in den Abend. Er endete mit der sowohl in ihrer Länge als auch in ihren Schwierigkeiten „großen“ Arie über eine „tyrannische Liebe“ von Boccherini. Allein schon die virtuosen Cellopartien glichen einem Solokonzert, und Herzig teilte ihre Klage, sich stimmlich wie schauspielerisch geradezu verausgabend, mit: Mit klarer Stimme ohne Vibrato erreichte sie mit schnellen und reinen Bögen mühelos höchste Töne, Sprünge jeder Art schienen kein Problem, und auch die Koloraturen sang sie makellos. Viel anerkennender Beifall erhob sich am Ende dieses vom Leitfaden historischer Aufführungspraxis getragenen Abends. Mit einer ruhigen, zwischen Cello und Stimme duettierenden Vokalise verabschiedete sich das großartige Trio.
Johann Grad
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Cellist Nepomuk Braun (v. l.), Pianistin Rebeka Stojkoska und Sängerin Marianna Herzig gestalteten das 4. Konzert im Kloster Plankstetten.