Klassik im Kloster, Lee

Faszinierender Klavierabend mit Minseon Lee

Ähnlich wie zu Anfangszeiten von „Klassik im Kloster“ fühlte sich Prof. Dr. Manuela Jahrmärker, als sie für das 2. Konzert der 21. Saison die Pianistin Minseon Lee engagieren konnte. Damals waren es fast ausschließlich junge Musikerinnen und Musiker auf dem Weg in die Konzertsäle. Das hat sich geändert; aber auch die jungen Künstler werden immer professioneller. So gewann die 23jährige Koreanerin längst mehrere Wettbewerbe, spielte als Solistin mit Orchestern und gab jetzt in Plankstetten ihr zweites Solokonzert in Deutschland. Es war ein fast phänomenales Spiel, das das staunende Publikum am Ende mit stehenden Ovationen belohnte.

„Schatten und Träume“, so das Motto des Abends, begann mit der gerade bei den Schlußrubati romantisierten Wiedergabe von Johann Sebastian Bachs heiterer Französischer Suite Nr. 5. Minseon Lee gab den Melodien ihren Raum, kostete sie in den langsamen Sätzen expressiv aus und ließ sofort auch ihre fabelhafte Technik in den wunderbar klaren Linien, in den Verzierungen und den schnellen Sätzen wie der Gigue erkennen. Hier gab es schon kräftigen Beifall.

Ludwig van Beethovens Sonate op. 109, die sich bereits in Richtung Romantik bewegt, verlieh die Pianistin gerade in den ersten beiden Sätzen mit scharf kontrastierend gezeichneten Passagen ein eigenes Profil. Gedankenverloren beginnt die Sonate, um in ihrem Fluß sofort jäh unterbrochen zu werden. Den Beginn des Prestissimo setzte Lee mit scharfen, fast zu harten Intervallen an, um sich dann in die rasenden Läufe zu stürzen. Dagegen schien sie sich im Variationssatz ganz dem musikalischen Augenblick hinzugeben, die Musik zu genießen und so auch das Publikum daran teilnehmen zu lassen. In der letzten Variation konnte sie mit den sich allmählich steigernden Trillerketten und der dann langsam fallenden, zum Thema zurückkehrenden Melodie einen großen Bogen gestalten und das Werk versöhnlich und friedvoll ausklingen lassen.

Nach der Pause folgte der romantische, auch träumerische Teil des Programms: zuerst Robert Schumanns „Fantasiestücke“ op.12, in denen sich Lees makellose Technik auf das beste bewährte. Dem melodiegetragenen „Des Abends“ folgte ein „Aufschwung“ voller Energie und Kraft, der selbst dort, wo sich die Melodie im Baß verbirgt, noch klar blieb. Die Fragen des „Warum“ hätte man sich vielleicht noch etwas fragender gewünscht; die rasenden Teile „In der Nacht“ und „Traumes Wirren“ ließen den Wechsel der auf das Ich einstürzenden Träume und Gefühle bestens erfahrbar werden. Bei „Fabel“ konnte man sich als Zuhörer an den wunderbar klaren schnellen Abschnitten freuen: Keine Note, die da nicht klar gewesen oder aus der Linie gefallen wäre. Fantastisch diese Interpretationen! Das „Allegro appassionato“ op. 70 von Camille Saint-Saëns schloß das Programm ab. Mit sichtlichem Vergnügen und großer Überlegenheit konnte Minseon Lee hier ihr Musikverständnis und ihr ihr ganz selbstverständlich zur Verfügung stehendes hohes technisches Können einsetzen, um dieser Komposition gerecht zu werden, die zwar auch einfache Passagen enthält, aber vor allem von deren Wechsel mit luftig leichten, hochvirtuosen Passagen lebt und ebenso furios endet. Kräftigster Applaus, Bravo-Rufe und stehende Ovationen belohnten die junge Meisterpianistin. Mit zwei Zugaben, einer Etüde von Chopin (op.10/10) und Mozarts Andantino aus KV 311, bedankte sich Minseon Lee, damit endete ein faszinierender Musikabend.

Johann Grad

Photo: Johann Grad

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