Plankstettener Tastenwunder mit Aris Blettenberg und Katja Schild
Ein einzigartiger Konzertabend, in dem Wort und Musik – beides brillant vorgetragen – zu einer ganz besonderen Einheit verschmolzen, boten der Deutsch-Grieche Aris Aléxandros Blettenberg und Katja Schild, künstlerische Sprecherin beim Bayerischen Rundfunk.
Die Idee verdankte sich zuallererst Blettenbergs Lektüre von Thomas Manns früher Erzählung „Das Wunderkind“ (1903), der Schilderung des Konzerts eines achtjährigen griechischen Knaben, kurz Bibi genannt, der vom Veranstalter als pianistisches und komponierendes Wunderkind inszeniert wird. Denn die „Rhapsodie grècque“ des Griechenknaben erinnerte Blettenberg unmittelbar an eine seiner eigenen 12 Bagatellen, die er als 12jähriger komponiert hatte. Damit war die Idee geboren: das Konzert, das Thomas Mann um 1902 in München vielleicht an der Musikhochschule erlebte und das ihn zu seinem Text inspirierte, wiedererstehen zu lassen mit Kompositionen eines fast Gleichaltrigen.
Katja Schild ließ Manns Erzählung zum lebendigen Drama werden, setzte ihre Körperhaltung schauspielerisch ein, agierte mit Gestik und Mimik, modulierte in feinsten Varianten ihre Stimme, gestaltete spannungsreiche Pausen und änderte Höhe, Dynamik und Tempo ihres Vortrags, um Atmosphäre, hochgespannte Erwartung wie Begeisterung des Publikums oder Gedankengänge einzelner Zuhörer in Manns Erzählung erfahrbar zu machen. Exzellent, wie sie den Geschäftsmann charakterisierte, der sofort die Einnahmen des Konzerts nach Abzug aller Ausgaben überschlug; die Klavierlehrerin, die schließlich doch noch eine Kritik fand, oder den Offizier, der dem kleinen Jungen eben Respekt zollt. Dazwischen erklang – wie bei Mann –, mit kräftigen Akkorden markiert, das erste Stück, ein Marsch; und Beifall erhob sich – wie bei Mann. Es folgte eine Ballade, die Manns / Bibis „Träumerei“ entspricht, eine feine, zarte Musik, die schön verklingt. Selbst zu „Der Uhu und die Spatzen“ aus Bibis Konzert ließ sich bei Blettenberg eine spritzige, zwischen Baß und Sopran vergnügt hüpfende Entsprechung finden; gleiches gilt für die Etüde mit gewaltigen gebrochenen Akkordbrechungen, bei der natürlich Chopin Pate stand. Am Schluss spielte Blettenberg seine Bagatelle über die griechische Nationalhymne, Bibis „Rhapsodie grècque“: das Publikum jubelte und klatschte lange – wie bei Bibi.
Der zweite Teil dieses besonderen Abends galt Wolfgang Hildesheimers ironisch gebrochener Erzählung „Das Gastspiel eines Versicherungsagenten“ (1952), in der umgekehrt zu Manns Erzählung ein weltweit gefeierter Pianist und Virtuose im Mittelpunkt steht, der schwerste und herausforderndste Werke spielt – aber doch unglücklich ist, wurde ihm dieses Geschick doch auf des Vaters Befehl zuteil, während seine Leidenschaft doch etwas ganz Anderem, dem Versicherungswesen, gilt. Hier verwandelte sich Blettenberg wie sein literarisches Ebenbild zum großen Virtuosen: Ein brillantes Feuerwerk reihte sich an das andere, stets eingepaßt in die von Schild souverän vorgetragene Erzählung. Zuerst erklang, machtvoll dunkel aufbrausend, Franz Liszts „Ungarische Rhapsodie“ Nr. 7; Schumanns „Der fröhliche Landmann“ untermalte die Erzählung von des Pianisten frühester Jugend am Klavier; gleich darauf folgte Chopins hochvirtuose „Polonaise héroïque“. Und als wäre es nicht genug der bestaunenswerten Technik, die doch dem musikalischen Fluß sich unterordnet, erklang nach der Eröffnungskadenz zu Beethovens Es-Dur Klavierkonzert – schließlich wird bei Hildesheimer die Eroica erwähnt – als Höhepunkt der Höhepunkte Johann Strauß’ Klavierbearbeitung vom Walzer aus der Fledermaus – eine Reverenz an dessen 200. Geburtstag am Tag zuvor (25.10.) Die unbeschreibliche Virtuosität quittierten die Zuhörer mit kräftigstem Applaus und lauten Bravorufen. Als Zugabe trug Aris Blettenberg eine ideenreiche Eigenkomposition vor; der „Valse brillante“ in As von Chopin beendete diesen denkwürdigen Konzertabend.
Johann Grad
Photo: Johann Grad